Nikolaus – Schutzherr für das ganze Europa

Die Ukraine ist die Mitte Europas. Sie ist zwischen Ost und West zerrissen. Wem soll sie gehören? Eigentlich gehört sie sich selbst. Wenn dort Frieden gefunden wird, dann wird sie die neue Mitte. Moldawien ist einer ähnlichen Zerreißprobe ausgeliefert.

Es braucht eine solche Region der Versöhnung. Das zeigt das Beispiel der EU. Nach der jahr­hundertelangen Fehde zwischen Deutschland und Frankreich waren es die Städte Brüssel, Luxemburg und Straßburg, wo die EU ihre Mitte fand. Sie liegen in dem alten Lotharingen, dem Mittelreich, das die Enkel Karls d.Gr. unter sich aufgeteilt hatten. Für Lothringen wie für Russland ist Nikolaus der Schutzpatron, der eigentliche Landesvater.

Jedoch, Europa hat kein politisches noch ein kirchliches Amt, das für die Einheit des Kontinents stehen könnte. Aber wir könnten uns in Ost und West auf den gemeinsamen Heiligen besinnen, dem in ganz Europa viele Kirchen geweiht sind, der auf jeder Ikonostase zu finden ist, den die Hanse zu ihrem Patron gewählt hatte. Viele Nikolauskirchen in Häfen und an Flussübergängen sind ihm geweiht. Jedoch gibt es noch gewaltige geschichtliche Steinbrocken, die wegzuräumen sind. Ohne eine Aussöhnung zwischen Rom und Moskau wird der Friede nicht kommen.

Polen und die Ukraine
Der neue Ratspräsident Donald Franciszek Tusk könnte die Integrationsfigur werden. Aber er ist Pole, wie Karol Józef Wojtyła. Weil Johannes Paul II. Pole war, hielt die Mos­kauer Orthodoxie Abstand. Zwischen Polen und Russland gibt es eine tief sitzende Ab­neigung. Denn die heutige Ukraine gehörte über Jahrhunderte zum polnisch-litaui­schen Königreich und zu deren Einflussgebieten. Im 17. Jahrhundert hatte dieses Reich seine größte Ausdehnung. In dieser Zeit näherten sich orthodoxe Bischöfe Rom an. 1594 unterzeichneten sechs orthodoxe Bischöfe den Vertrag der Kirchenunion von Brest. Uniert heißen sie deshalb, weil sie die den Papst in Rom anerkennen, mit Rom “uniert” sind. Die Bischöfe wurden damals den katholischen Bischöfen des polnisch-litauischen Reiches gleichgestellt und erhielten einen Sitz im Senat. Diese mit Rom unierte Kirche überlebte auch, als Polen von der politischen Landkarte verschwand und die Grenzen Russlands weit nach Westen rückte. Sie erstarkte insbesondere in den Gegenden, die nach der polnischen Teilung an die Habsburger Krone fielen und wurde zur Mehrheits­kirche der Ukrainer in Ostgalizien. Die Unierten wurden unter kommunistischer Herr­schaft nach dem zweiten Weltkrieg grausam verfolgt.

Katholiken und die Ukraine
Lemberg als damaliger Sitz eines Erzbischofs, wurde Sitz der mit Rom verbundenen griechisch-orthodoxen Kirche, die ihre Liturgie beibehielt. Als Ergebnis der Neugründung Polens und des darauf folgenden polnisch- russischen Grenzkriegs wurde Lemberg zu       L‘wow und Ostgalizien Teil des neuen polnischen Staats. So blieb dieser Teil der Ukraine nach Westen orientiert. Aus dieser Region kam der Widerstand, als der Präsident Janu­kowitsch das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterschrieb, um sich, wohl auf Druck Russlands, der entstehenden Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft anzuschließen. So wenig der Papst wirtschaftliche Interessen in der Ukraine verfolgt, gilt er als Partei und wird von den Menschen der Ostukraine als Repräsentant des Westens gesehen. Da die Orthodoxie sich gegenüber der katholischen Kirche als die Kirche der wahren Verkündi­gung fühlt, die die Traditionen der frühen christlichen Kirche der Konzile bewahrt hat, gilt der Papst auch als Vertreter des “dekadenten Westens”.

orthodox gegen katholisch
Unter dem heutigen politischen Konflikt, der den Einfluss der EU zurückdrängen und der Nato aus der Ukraine heraushalten soll, liegen große Mentalitätsunterschiede und ein kirchlicher Konflikt. Die ost-slawischen Völker, unter ihnen auch die Russen, wurden mit der Taufe Vladimirs in Kiew christianisiert. Das Moskauer Patriarchat hat daher in der Ukraine viele lebendige Gemeinden. Man ist nicht bereit, einer der drei anderen Kirchen des byzantinischen Ritus, neben der mit Rom Unierten noch zwei weitere orthodoxe Kirchen, den Patriarchatstitel zuzuerkennen. Es ist eigentlich die Existenz der mit Rom unierten Kirche, die für das Moskauer Patriarchat einen Besuch des Papstes in Russland ausschließt. Ohne eine wirkliche Versöhnung zwischen Rom und Moskau kein Brückenschlag in der Ukraine.

Orthodxe und Latiner

In Saint Nicolas de Port in Lothringen beten Lateiner und Orthodoxe gemeinsam an einem alten Wallfahrtsort des Heiligen

Die Ukraine braucht das Eingreifen des Nikolaus
Der Krieg im Osten der Ukraine hat die Industrieanlagen so beschädigt, dass dort kaum noch produziert werden kann. Löhne werden seit Monaten nicht mehr gezahlt. In einer solchen Notsituation hat der damalige Bischof von Myra Getreideschiffe, die von Ägypten zur Kaiserstadt Byzanz unterwegs waren, angehalten und die Bevölkerung mit Nahrung versorgt. Wäre es nicht an der Zeit, dass die Christen in der EU sich für die Orthodoxen in der Ostukraine interessieren und ihnen ein Weihnachten ermöglichen?Neben Maria ist Nikolaus der Heilige, der in Ost wie West die größten Sympathien genießt. Sein Gedenktag sollte unseren Blick zu den orthodoxen Christen lenken. Sie verehren diesen Heiligen – sie können daher nicht die Gegner Europas sein.

2.12. 2014 Eckhard Bieger S.J. ergänzt von  Tilo L. Krauße

Nikolaus war Bischof von Myra, er erlebte noch die Verfolgung unter Diokletian sowie die Religionsfreiheit, die der aus Trier stammende Kaiser Konstantin im Edikt von Mailand 313 verkündete. Seine Gebeine gelangten, durch Kaufleute entwendet, 1087 nach Bari. Nikolaus gilt als Patron der Schüler, der Verlobten, der Schiffsleute, der Kaufleute, Bäcker und vieler andrer Berufe. Im 11. und 12. Jahrhundert wurden ihm als Patron des Fernhandels  viele Kirchen geweiht, oft an Flussübergängen. Vor allem in Mitteldeutschland und Polen kam es durch den Fernhandel  zum Aufblühen der Städte. Die Hanse, sozusagen ein Vorläufer der EU, wählte Nikolaus als Patron.  S. Nikolauskirchen vernetzen Europa: 

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