Die Ukraine gehört zu Europa – nicht ohne die Kirchen

Zum Europatag 2015, dem 9. Mai ein Hintergrundbericht zur Rolle der Kirchen im Ukrainekonflikt

Der Konflikt in der Ukraine betrifft auch die Religion. Es sind keine Lehrstreitigkeiten, denn die mitgliederstärksten Kirchen gehören der Orthodoxie an. Es ist das Verhältnis zwischen Kiew und Moskau. Die meisten Gemeinden in der Ukraine gehören zum Moskauer Patriarchat. Gerade in diese Kirche dringt der Krieg im Osten des Landes als Spaltpilz ein. Sogar Familien sind in der Frage zerstritten, wohin die Ukraine gehört. Die kirchlichen Bindungen weisen zuerst nach Moskau.

Die Rus
Die heutige Ukraine, die sich fast ausschließlich auf dem Gebiet des Kiewer Rus befindet führte schon die Assoziation mit Russland im Namen. Man sprach vom Kiewer Rus, als sich der Großfürst von Kiew, Wladimir I., 988 taufen ließ. Unter der neuen identitäts-stiftenden Kraft des Glaubens byzantinischer Prägung verschmolzen die ostslawischen Stämme und die Skandinavier miteinander und bildeten so die Grundlage für die Entstehung des altrussischen Volkes.
Kiew blieb auch nach der Verlagerung der Hauptstadt nach Wladmir in 1169 ein wichtiges Handelszentrum, bis zur Eroberung durch die Mongolen in 1240, die allgemein als Ende des Kiewer Rus bezeichnet wird. Für 250 Jahre sollten dann die Mongolen die Oberherrschaft über diese Gebiete im Osten Europas ausüben. Nach vielen Aufständen gelang es 1480 dem Fürsten von Moskau, Iwan III., die Mongolen am Fluss Ugla zur Aufgabe zu zwingen. Interne Streitigkeiten hatten die Goldene Horde geschwächt. Kiew konnte an seine Bedeutung als zentraler Ort und zugleich kirchlicher Mittelpunkt nicht mehr anknüpfen und musste diese Position an Moskau abgeben. Schon vorher war die Verlegung des Amtssitzes des Metropoliten von Kiew und ganz Russland nach Moskau im Jahr 1326 war sichtbares Zeichen dieser Machtverschiebung.

1037 begonnen, war sie religiöses Zentrum der Rus. Über ihre Nutzung streiten sich die verschiedenen orthodoxen Kirchen des Landes

Die Sophienkathedrale, 1037 begonnen, war religiöses Zentrum der Rus. Über ihre Nutzung streiten sich die verschiedenen orthodoxen Kirchen des Landes

Kampf um das Patriarchat
Je schwächer Konstantinopel geworden war, desto mehr wuchs Moskau in die Rolle des Patriarchates und konnte seit 1589 diesen Titel für sich beanspruchen. Aber auch andere Länder wurden vom Patriarchen von Konstantinopel unabhängig, so seit 919 die orthodoxe Kirche in Bulgarien oder in Serbien seit 1346. Da die Ukraine nach dem Ersten Weltkrieg nur kurze Zeit staatliche Selbstständigkeit erlangte, war der Aufbau einer ukrainischen Kirche immer wieder von Rückschlägen bedroht. Diese Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche wurde verfolgt, durch Emigration ihrer Bischöfe und Priester gingen die ukrainischen Metropolien in Europa, den USA und Kanada hervor. Diese Kirche hat heute ihren Sitz ebenfalls in Kiew, wird aber von den anderen orthodoxen Kirchen nicht anerkannt. Sie fühlt sich dem Patriarchen von Konstantinopel-Istanbul und nicht dem von Moskau zugehörig.
Als die Ukraine 1991 die staatliche Unabhängigkeit erlangte, kam es im gleichen Jahr zu einem Versuch, eine Ukrainisch-orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchates aufzubauen. Diese Kirche befindet sich in erbittertem Streit mit der Kirche des Moskauer Patriarchates.. Der Neugründung schlossen sich nur wenige Gemeinden an, so dass die größere Zahl beim Moskauer Patriarchat blieb. Zudem wurde diese Kirche von den anderen orthodoxen Landeskirchen nicht anerkannt.

Unabhängigkeit von Moskau – eigenes Patriarchat
Nach byzantinischem Selbstverständnis sollte jedes orthodoxe Land nur eine nationale Kirche haben. Deshalb sieht das Moskauer Patriarchat die Präsenz von katholischen Gemeinden in Russland als unnötig und die Ernennung eines katholischen Erzbischofs für Moskau als Affront. Kommt es zu einer weiteren Distanzierung der Ukraine von Russland, folgt aus dieser Logik des Kirchenverständnisses, dass Gemeinden des Moskauer Patriarchats dahin tendieren, eine eigene Kirche mit einem Patriarchen aufzubauen. Das bringt den Vertreter Moskaus in der Ukraine in eine sehr schwierige Situation.

Metropolit Onufrij
Da die größte Kirche in der Ukraine ihren Patriarchen in Moskau hat, gibt es für die Gemeinden in der Ukraine nur einen Metropoliten. Dieser steht zwischen den Fronten. Alle diejenigen, die auf Distanz zu Moskau gehen, wollen die Trennung und eine eigene ukrainische Kirche. Alle diejenigen, die die Zukunft der Ukraine nur in einem geregelten Verhältnis zu Moskau sehen, wollen beim Patriarchen von Moskau bleiben. Wie immer sich der Metropolit äußert, es wird ihm heftig widersprochen werden.

Die mit Rom unierte Kirche der Ukraine
Man hört zum Ukrainekonflikt keine so deutlichen Worte aus dem Vatikan wie zu den Kämpfen in Syrien. Rom muss im Fall der Ukraine zwei Interessen gegeneinander abwägen. Auf der einen Seite gibt es in der Westukraine eine mit Rom unierte Kirche, die weiterhin ihre Gottesdienste im byzantinischen Ritus feiert. Sie erwartet von Rom eine deutliche Abgrenzung von Moskau. Dies umso mehr, als die Demonstrationen gegen den vorherigen Präsidenten Janukowytsch vom Westen der Ukraine ausgegangen sind. Die Existenz dieser Kirche stellt deshalb ein Problem dar, weil es nach dem orthodoxen Selbstverständnis nur eine Kirche für ein Land geben sollte. Die Hinwendung dieser Bistümer nach Rom hatte sowohl religiöse als auch gesellschaftspolitische Gründe. Sie fand in der Zeit statt, als die heutige Ukraine zum Litauisch-Polnischen Reich gehörte. 1596 schlossen sich 6 Bistümer in der Kirchenunion von Brest Rom an. Damit erhielten diese Bischöfe wie ihre katholischen Kollegen einen Sitz im polnischen Senat. Diese Kirche wird von einem Großerzbischof geleitet. Seit 2011 ist es Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk. Würde er vom Papst zum Patriarchen erhoben, wären die Verbindungen, die zwischen Rom und Moskau geknüpft worden sind, wahrscheinlich sofort zerschnitten. Der Sitz des Großerzbischofs wurde von Lemberg nach Kiew verlegt.
Da nach dem Zweiten Weltkrieg Teile Polens der Ukraine zugeschlagen wurden und nicht alle der dort wohnenden Polen und auch wenige Deutsche in die ehemaligen deutschen Gebiete im Westen Polens umgesiedelt wurden, gibt es in der Ukraine auch etwa 1,1 Millionen Katholiken des lateinischen Ritus.

Das Verhältnis der Kirchen zum abgesetzten Präsidenten Janukowytsch
Die Berichterstattung über die Ukraine begann mit den Demonstrationen in Kiew, die nach dem Platz Majdan benannt werden, auf dem sie stattfanden. Ausgelöst wurden die Proteste, weil der damalige Präsident die Unterschrift unter das Assoziierungsabkommen mit der EU zurückzog. Jedoch war der Widerstand vorher wegen der exzessiven Korruption angewachsen. Die Kirchen blieben wegen dieser Korruption auf Distanz zur Regierung Janukowytschs.

Es gibt keine Alternative
Der Ukraine-Konflikt bestärkt die Kräfte in der Ukraine, die sich nach Westen orientieren. Aber der Konflikt kann nicht gegen Russland gelöst werden. Denn die wirtschaftlichen Beziehungen der Ukraine zu Russland können kaum vom Westen kompensiert werden. Auch wenn Russland durch den Konflikt ebenso geschwächt ist, wird es allein wegen seiner Bodenschätze ein unentbehrlicher Partner der EU bleiben. Es hat sich mit der Krim und den Gebieten um Donezk auch erhebliche Belastungen aufgebürdet. Zudem kann Moskau die Separatisten nicht im Stich lassen kann, ohne dass Putin sein Gesicht verliert. Hinzu kommt, dass die Einnahmen aus den Erdöl- und Gasexporten stark zurückgegangen sind und die Sanktionen des Westens wegen der Annexion der Krim sich ebenfalls auswirken. Diese hindern Russland daran, wichtige Investitionsgüter zu importieren, die gerade für die Erschießung neuer Gas und Erdölfelder gebraucht werden.
Das heißt aber nicht, dass die EU die Energieimporte aus Russland nicht bräuchte. Zudem wird Russland, trotz der mangelnden Wirtschaftskraft weiter eine Atom- und damit Großmacht bleiben.
Es gibt keine Alternative zum Frieden, weder für die Ukraine noch für Russland, auch nicht für die EU. Es ist deutlich, dass die Kirchen keine unwichtige Rolle spielen. Durch den Konflikt sind die Beziehungen zwischen den Kirchen großen Spannungen ausgesetzt.

Nikolausinitiative nach Informationen von Tilo Krauße

 

 

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